Auf ein Wort: Leben in der neuen Wirklichkeit

Gegenüber Weihnachten und Ostern ist das Pfingstfest in den Volkskirchen und noch vielmehr in der Volksfrömmigkeit wenig beachtet. Dabei erfahren christliche Gemeinschaften, die es bewusst feiern, gerade von Pfingsten her eine tiefe Erneuerung und Stärkung im Glauben. Das hat einen theologischen Grund: An Pfingsten feiern wir, wie Gott seinen Geist auf Mensch und Welt ausgegossen hat und wie er dadurch eine Veränderung bewirkt.  
Der altkirchliche Halleluja-Vers zu Pfingsten aus Psalm 104 bringt dies prägnant zum Ausdruck:

„Du sendest aus deinen Odem, so werden sie geschaffen und du machst neu das Antlitz der Erde. Halleluja“

Wer Pfingsten ernst nimmt und dieses Fest innerlich begeht, den verwandelt Gott durch seinen Heiligen Geist. An Pfingsten können wir eintauchen in eine neue Wirklichkeit, die von Ostern her wirkt. In den Pfingstpredigten werden diese Gedanken vertieft zum Ausdruck kommen.

Während ich als Christ auf eine Erneuerung meines eigenen Lebens, sowie unserer Gemeinde, der Kirche und der ganzen Welt hoffe, beobachte ich, wie auch immer mehr Politiker und Manager von einer neuen Wirklichkeit sprechen. Und tatsächlich gab es innerhalb der vergangenen 12 Monate rasante Entwicklungen: In manchen Grundschulen wurden Kreide-Tafeln abgebaut und durch schwarze Bildschirme ersetzt, Kinder von der ersten bis zur vierten Klasse erhielten Tablets und allumfassende Pädagogik wurde weitläufig durch Wissensvermittlung ersetzt. Meine Freunde luden mich zur Geburtstagsfeier nicht zu sich ein, sondern schickten mir einen Link zu einem Treffen per Videokonferenz. In vielen Kirchen trifft man sich gar nicht mehr real zum Gottesdienst, sondern nur noch in virtuellen Räumen. Zeitungen, Politiker, Pfarrer und auch manche Bischöfe deklarieren das als Fortschritt. Ein Blick nach China, wo digitale Geräte für Grundschüler wieder verboten wurden zeigt, dass Kognitionsforscher und Verfechter humanistischer Bildungsansätze recht behalten. Die Digitalisierung im Elementarbereich führt langfristig dazu, dass haptische, kognitive und soziale Fähigkeiten verkümmern. Was für die kindliche Bildung gilt, sollte aber auch im Bereich des geistlichen Lebens bedacht werden.

Die digitale neue Wirklichkeit ist eine menschengemachte Wirklichkeit. Sicherlich bietet sie Chancen und bequeme Möglichkeiten zur Vernetzung und zum Austausch von Nachrichten und Informationen. Aber dort, wo sie eingesetzt wird, um die natürliche Wirklichkeit, um echte Begegnungen zwischen Menschen und zwischen Mensch und Natur dauerhaft zu ersetzen, führt sie zu Vereinsamung und Erschlaffung des Geistes. Jugendliche berichten davon, wie sie mit zunehmender Dauer des online-Unterrichts ihren inneren Antrieb verlieren. Mehr denn je sehnen sich viele nach einer echten Erneuerung, nach dem tiefen, wahren Leben. In der Logik dieser Welt, in der alles Leben der Pandemie-Verhinderung untergeordnet wird, hat ihre Klage und ihre Sehnsucht nach echter Begegnung keine Relevanz. Von Pfingsten her könnte ein Aufbruch geschehen. Im Predigttext hören wir:

„Wir haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, damit wir wissen, was von Gott geschenkt ist.“  (1. Korinther 2,12)

Der Geist Gottes steht im Gegensatz zum Geist der Welt. Denn Gott erwählt das Schwache und das Verachtete und durchbricht die Logik des menschlichen Denkens. Paulus erkennt das an Christus, den die Menschen aufgrund ihres Kalküls gekreuzigt haben. Gott hat aber diesen Gekreuzigten erhöht und damit die Pläne und Gedanken der Menschen durchkreuzt.

Richten wir also an Pfingsten unseren Blick darauf, wie Gott auch heute die Pläne und Gedanken der mächtigen und einflussreichen Menschen durchkreuzt und wie er sich denen zuwendet, die verachtet sind und schwach: 
Denjenigen Kindern und Jugendlichen, sowie denjenigen Senioren, die isoliert wurden und werden, die vereinsamen und ermüden. Bitten wir darum, dass sie das Evangelium hören oder lesen und sich von ihm ansprechen lassen. Auf dass sie Gottes Geist empfangen und ein neues Leben mitten in der alt gewordenen Wirklichkeit anbricht.

Für uns als Gemeinde bedeutet dies, dass wir weiterhin echte Begegnung von Mensch zu Mensch und als Gemeinde ermöglichen sollten – gerade in Krisenzeiten. Das bedeutet nicht, dass wir auf digitale Formen der Kommunikation verzichten müssen. Aber letztlich sollten digitale Angebote und Anwendungen dem Wort Gottes dienen und dazu, das gemeinschaftliche Leben und echte Begegnungen zu fördern. Der Geist Gottes wird sich jedenfalls nicht in die Regeln und Verordnungen dieser Welt einordnen, sondern er wird tun, was ihm gefällt: sich der Schwachen, der Einsamen, der Verachteten annehmen, sie trösten und aufrichten und ihnen neues Leben einhauchen.

Ein gesegnetes Pfingstfest und einen pfingstlich erneuerten Geist wünscht Ihnen Pfarrer Samuel Fischer